Gemeinde
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ICH WERDE MEINE GEMEINDE BAUEN
(Richard Haverkamp)
Einer meiner Lieblingstexte ist Röm. 1,16, wo Paulus sagt: ,,Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist die Macht Gottes zur Rettung!" Dieses Buch funktioniert wirklich. Sie fragen, wie geschieht das in Belgien, wie machen Sie es, dass all diese Leute gerettet werden? Es ist gar nicht so schwierig. Es ist das Wort Gottes!
Sie erinnern sich an Martin Luther. Luther hat gesagt: ,,Ich habe überhaupt nichts getan, als das Wort Gottes verkündigt."
Was wir in Westeuropa wirklich brauchen, ist eine neue Reformation! Und die kann nur kommen, wenn wir zur Bibel zurück gehen! Es ist mein Anliegen, daß die Bibel in jede Familie in Belgien kommt, und daß jeder Belgier die Bibel liest.
Unser Thema heißt ,,Gemeindebau“. Ich habe es in drei Teile eingeteilt.
Erstens, ,,Was ist unser Ziel?"
Zweitens, ,,Was ist unsere Strategie (unser Plan um dieses Ziel zu erreichen)?"
Und drittens, "Was sind unsere Hilfsmittel?"
Was ist unser Ziel?
Gott ist im Baugeschäft. Gott gab Mose Anweisungen zum Bau der Stiftshütte. Im verheißenen Land haben David und Salomo im Auftrag Gottes den Tempel gebaut. Im Neuen Testament sagt Jesus: ,,Ich werde meine Gemeinde bauen!" In Apg. 2 sehen wir den Anfang davon. Auch Petrus und Paulus reden davon. Petrus sagt in 1.Petr. 2, lasset euch zu lebendigen Steinen gebrauchen zu einem geistlichen Haus. Paulus schrieb den Korinthern: ,,Wisset ihr wenn nicht, daß ihr der Tempel des lebendigen Gottes seid?" Den Ephesern schrieb er, daß die Apostel und Propheten die Grundsteine des neuen Gebäudes sind.
Mein ganzes Leben gründet sich auf diesen Vers in Matthäus 16,18. Die Katholiken sagen, daß dies der wichtigste Vers in der Bibel ist. Ich stimme ihnen zu. Wo wir mit den Katholiken nicht ganz übereinstimmen ist, wo man die Betonung hinsetzt. Sie betonen den ersten Teil: ,,Du bist Petrus, und auf diesen Felsen...." Ich betone den zweiten Teil: ,,Ich werde meine Gemeinde bauen und die Tore der Hölle werden nicht dagegen ankommen." Das ist mein Lebensvers. Auf diese Wahrheit stelle ich mich.
Liebe Brüder und Schwestern, ich glaube, daß der Kampf des Gemeindebaus hier gewonnen wird.
Bevor wir in den nächsten Vorträgen ins Detail des Gemeindebaus gehen, möchte ich Zeit nehmen, um hier ein wirklich gutes Fundament zu legen auf das wir dann bauen können. Alles andere worüber wir reden werden, wird darauf aufbauen. Sie müssen sich diese Worte ganz tief in ihr Herz einprägen. Sie müssen immer wieder auf diese Worte zurückkommen. Das wird sie durchbringen, und in Westeuropa werden sie es brauchen. Ich nenne diese Aussage Jesu: ,,Die sieben große Worte von Christus," und ich möchte eines nach dem anderen besprechen.
Der Baumeister
Der Baumeister ist Jesus Christus. Mit anderen Worten: Gemeindebau ist nicht meine Aufgabe. Gemeindebau ist die Aufgabe Jesu. Ich baue keine Gemeinden in Belgien. Ich predige und lehre das Wort Gottes. Das ist alles. Und wenn ich das tue, ändert Gott die Menschen. Gott weckt die Toten auf. Gott wirkt das Wunder der Wiedergeburt. Jesus sagte zu seinen Jüngern: ,,Alle Macht ist mir gegeben worden im Himmel und auf Erden. Ihr geht, und ich werde mit euch sein!" Derselbe Jesus sagte: ,,Ich werde meine Gemeinde bauen!" Wir müssen das wirklich in unser Herz einprägen. Ich habe mir das in mein Herz und in meine Gedanken eingeprägt. Jesus sagt: ,,Richard, du gehst nach Belgien, und ich werde meine Gemeinde bauen.
Die Gewissheit
Die Betonung liegt nun auf ,,werde." Jesus sagt nicht: ,,Ich werde mal versuchen, möglicherweise werde ich, wenn ihr mitmacht." Er sagt: ,,Ich werde." Wenn Gott sagt: ,,Ich werde," dann meint er es auch so! Der Besitzer Jesus sagte: ,,Ich werde meine Gemeinde bauen!" Dies hat eine zweifache Bedeutung.
Er sagt erstens, das ist meine Gemeinde, laßt ihr eure Finger davon! Ihr habt überhaupt
nichts, worauf oder worüber ihr stolz sein könntet, es ist. meine Gemeinde, sie ist mein
Besitz."
Zum Zweiten sagte Jesus, daß die Gemeinde und der Bau der Gemeinde seine Verantwortung ist, Wenn irgend etwas schief läuft, dann gehe ich zurück zu IHM. In einer Stadt in Belgien in der ich gearbeitet habe, gibt es heute eine Gemeinde mit etwa 65 Geschwistern. Aber vor etwa fünf Jahren waren da nur fünf Leute übrig geblieben.
Es gab einige Probleme und die Sache ging wirklich rückwärts. Verschiedene Leute sagten zu mir: ,,Richard, warum hörst du an diesem Ort nicht einfach auf? Es ist da so schwierig. Du verschwendest deine Zeit. 15 km weiter in der nächsten Stadt gibt es eine evangelikale Gemeinde. Die Leute können ja dahin gehen?" Und ich habe wirklich ernsthaft darüber nachgedacht. Aber ich hatte Matthäus 16 in meinen Gedanken, und eines Tages ging ich auf meine Knie und betete: ,,Nun, Herr Jesus, du musst dich an Matthäus 16,18 erinnern. Du hast gesagt: Ich werde meine Gemeinde bauen, und die Tore der Hölle werden sie nicht überwältigen. Die Tore der Hölle überwältigen dich im Augenblick. Willst du das zulassen? Es ist deine Gemeinde. Es ist deine Arbeit. Dein Name ist in Gefahr. Willst du das zulassen?" Und heute gibt es dort eine Gemeinde mit 65 bis 70 Leuten.
Ich erinnere mich, vor vier Jahren hatte ich eine Konferenz in Frankreich. Zwei Tage bevor ich zu dieser Konferenz ging, geschah es, daß in einer neuen Gemeinde, die erst ein halbes Jahr alt war, zwei der führenden Männer sich gegen mich wandten. Es gab wirklich tiefe Probleme und ich mußte zu einer Konferenz gehen. Ich erinnere mich, wie ich von Paris nach Lyon fuhr. Auf dem ganzen Weg betete ich: ,,Herr Jesus, es ist deine Gemeinde. Es ist dein Problem. Ich gehe jetzt zu dieser Konferenz." Das ganze Problem löste sich und heute ist dort eine Gemeinde mit 65 Erwachsenen plus Kinder.
Das Bauwerk
Der Herr Jesus baut seine Gemeinde. Es heißt nicht, dass er einzelne Leute aufbaut. In unserer heutigen Zeit wird viel zu viel Betonung auf den Einzelnen gelegt. Verschiedene christliche Organisationen arbeiten mit Einzelnen. Sie sehen wie Einzelne sich bekehren und sie machen
Nacharbeit oder Jüngerschaftsschulung mit diesen Einzelnen. Jesus hat nicht gesagt, daß wir Entscheidungen treffen sollen. Er sagte wir sollen Jünger machen, und ich glaube, daß kein Christ ein wirklicher Jünger sein kann ohne daß er zu einer örtlichen Gemeinde gehört. Erinnern sie sich an Epheser 5, wo Paulus über die Ehe spricht und sagt:
,,Christus liebt die Gemeinde, er gab sich für die Gemeinde, er reinigt die Gemeinde, er präsentiert die Gemeinde vor dem Vater." Natürlich bin ich mir bewußt, daß die Gemeinde aus einzelnen Leuten besteht. Aber die einzelnen Leute müssen eine Gemeinde bilden.
Die Bauarbeit
Gemeindearbeit ist Bauarbeit. Um ein Haus zu bauen braucht man mindestens vier wichtige Dinge. Erstens benötigt man ein Fundament. Dies ist das Wort Gottes. Zweitens benötigt man Steine um auf dieses Fundament zu bauen. Das sind die einzelnen Gläubigen. Drittens benötigt man Balken um das Ganze zusammenzuhalten. Das sind die Ältesten. Man braucht noch ein Viertes. Man kann die Steine nicht lose aufeinander legen, sonst würde das Gebäude in sich zusammen fallen. Die Steine werden mit Zement zusammengeklebt. Der Zement ist die von Gott gegebene Liebe. Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen. Diese Liebe hält die Steine zusammen.
Der Widerstand
Der Herr Jesus redet von den Toren der Hölle, die die Gemeinde nicht überwältigen werden. Von wem redet Jesus da? Er redet von Satan und allen seinen Dämonen. Ich möchte euch etwas sagen. Ich bin nach Frankreich gegangen, und die Leute kamen zu mir und sagten: ,,Richard, du kennst Frankreich nicht. Du hast in Frankreich noch nicht gearbeitet. Frankreich ist das härteste Land der Welt."
Ich war in London, (Kanada). London ist eine große Stadt, und die Leute sind dort zu mir gekommen und sagten: ,,Richard, du kennst London nicht. London ist die schwierigste Stadt."
Ich war in anderen Städten und in anderen Ländern, und die Leute sagten: ,,Dies ist der härteste Platz der Welt." Überall wo ich hingehe, da wird irgend jemand zu mir kommen und sagen: ,,Richard, dies ist der härteste Platz der Welt." Als ich nach Belgien ging, sagte ich auch: ,,Dies ist der härteste Platz der Welt."
Warum sehen wir den Tatsachen nicht einfach ins Auge? Die ganze Welt ist hart! Die ganze Welt ist Satans Gebiet. Aber, vergessen sie nicht, dass Jesus gesagt hat: ,,Ich werde meine Gemeinde bauen!" Wir müssen die Gemeinde nicht bauen. Das ist viel zu schwierig. Im Himmel kann jeder eine Gemeinde bauen, aber es gibt nur Einen, der eine Gemeinde auf der Erde aufbauen kann, das ist Jesus Christus, und er hat gesagt: ,,Ich will es tun, und die Tore der Hölle werden die Gemeinde nicht überwältigen.
Der Sieg
Die Tore der Hölle werden die Gemeinde nicht überwältigen. Dies heißt nicht, dass sie es nicht versuchen werden. In Belgien ist es zur Zeit so, je mehr die Christen dort mit dem Herrn gehen, je mehr sie sich vom Herrn gebrauchen lassen, desto intensiver werden die Angriffe des Feindes. Ich könnte ein dickes Buch darüber schreiben. Die Tore der Hölle sitzen nicht still! Sie werden uns körperlich angreifen. Sie werden uns geistig angreifen. Sie werden uns geistlich angreifen. Sie werden meine Frau und meine Ehe angreifen. Sie werden meine Kinder angreifen. Satan wird ihre Mitarbeiter angreifen. Er wird ihre Arbeit angreifen. Er wird alles angreifen. Die Tore der Hölle werden nicht stille sitzen. Aber preist den Herrn, sie werden uns nicht überwältigen. Während der letzten 13 Jahre habe ich das gelernt. Ich habe
verschiedene Zeiten erlebt, wo ich auf die Knie ging und betete: ,,Herr, du tust jetzt besser etwas." Und immer wieder hat die Gemeinde überlebt. Wir haben jetzt mehr als 20 Gemeinden. Die Kleinste hat 25 Gläubige, die Größte hat über 100. Durchschnittlich hat eine Gemeinde etwa 50 Gläubige. Wir haben keine ausgebildeten Pastoren. Wir haben keine ausgebildete, hauptamtliche Mitarbeiter, und trotzdem haben wir keine falsche Lehre die hereinkommt. Wir hatten keine Gemeindespaltung innerhalb der letzten 13 Jahre. Das ist erstaunlich. Wir haben Männer, die Bibelstunden halten, die nie eine Bibelschule gesehen haben. Wir haben jeden Sonntagmorgen offene Versammlungen. Jeder kann aufstehen und reden. Und das tun die Brüder auch. Wir haben kein Problem mit falscher Lehre. Wir müssen es lernen, uns auf dieses Wort des Herrn Jesus Christus zu stützen.
Unser Ziel ist eine lebendige, aktive, unabhängige Gemeinde. Natürlich wollen wir, daß Leute gerettet werden, und wir wollen sie getauft sehen. Und wir wollen Jünger sehen. Aber das Ziel ist: lebendige, aktive, unabhängige Gemeinde! Das ist biblisch. Das ist Neues Testament.
Das ist es was wir brauchen.
Übrigens, ist ihnen aufgefallen, daß Jesus ein Ziel hat? Viele Menschen leben heute ohne Ziel in ihrem Leben. Sie leben eben. Im Englischen gibt es ein schönes Sprichwort: ,,Wenn du auf nichts zielst, dann triffst du garantiert." Und viele Christen leben so. Viele christliche
Arbeiter leben so. Kein Ziel.
Jesus hatte ein Ziel vor sich. Wenn ich sie frage, was war Christi Ziel, bin ich sicher, daß einige von ihnen sagen würden: ,,Er kam, um für uns zu sterben." Es tut mir leid, aber das stimmt nicht! Sein Ziel war nicht zu sterben, sein Ziel finden wir hier: ,,Ich werde meine Gemeinde bauen!" Er wußte, daß er sterben mußte um dies möglich zu machen, aber sein Ziel war, eine Gemeinde zu bauen. Das Ziel war, Menschen aus dieser satanischen Welt zu sammeln um etwas Neues anzufangen. Wenn dies das Ziel Christi ist, sollten wir nicht dasselbe Ziel haben?
Übrigens, Christus hat nicht gesagt: ,,Ich werde die ganze Welt evangelisieren." Das war nicht sein Ziel. Er hat nicht gesagt: ,,Ich werde ein Traktat in jeden Briefkasten stecken." Das war nicht sein Ziel. Er hat nicht gesagt: ,,Ich werde mein Reich auf diese Welt herunterbringen."
Das wird geschehen, aber nicht jetzt. Er hat nicht gesagt: ,,Ich werde viele Radiosendungen haben." Verstehen sie mich bitte nicht falsch. Es ist überhaupt nichts Falsches, Traktate zu verteilen, oder Radiosendungen zu produzieren und auszustrahlen, aber sie sind nicht das Ziel. Das Ziel ist: Seine Gemeinde gebaut zu sehen.
Ich habe viele Missionsrundbriefe gelesen, die sagen, wir haben mit so und so vielen Leuten Kontakt. Das ist wunderbar, aber das Ziel sind nicht Kontakte. Manchmal wundere ich mich was mit all diesen Kontakten geschieht. Ich möchte nicht mehr als 20 Kontakte, und ich möchte so schnell wie möglich mit diesen in Verbindung sein. Ich möchte sie aussuchen und sortieren bis ich etwa ein oder zwei übrig habe, denen es wirklich ernst ist. Das Ziel ist, daß wir lebendige, unabhängige und aktive Gemeinden haben. Je schneller, desto besser.
Die größte Not die wir haben ist die, daß wir zurückgehen müssen zum Wort Gottes. Wir müssen es so wörtlich nehmen wie möglich. Wir sagen den Menschen in Belgien immer wieder: ,,Wir müssen uns an das Wort Gottes halten. Wenn ihr uns Dinge zeigen könnt, die nicht im Neuen Testament sind, dann sagt es uns und dann werden wir damit aufhören. Oder wenn es Dinge gibt im Neuen Testament, die wir nicht tun, dann zeigt sie uns und wir werden sie tun."
Es ist erstaunlich, was wir in Belgien erleben. Wir sehen in Belgien eine kleine Reformation. Wir sehen, wie sich mindestens 200 Katholiken im Jahr bekehren, und wir führen niemand zu Jesus. Wir beten nie mit den Leuten. Wir sagen nie zu ihnen: ,,Würdest du jetzt gern Christus
aufnehmen?" Wir lehren sie das Wort Gottes, Woche um Woche.
Und sie werden gerettet. Mein erstes Ziel ist nicht, die Menschen gerettet zu bekommen, mein erstes Ziel ist es, sie mit der Bibel zu konfrontieren.
Und wenn ich sie an der Bibel interessieren kann, und wenn ich sie dazu bringen kann, daß sie dieses Buch lesen, dann wird der Herr den Rest tun.
Genau das ist während der Zeit der Reformation geschehen. Jede Erweckung in der Geschichte der christlichen Gemeinden war immer das Resultat der Rückkehr zum Wort Gottes.
(Dieser Vortrag wurde am 18.11.1984 auf der ,,Konferenz für Gemeindegründung"
von Richard Haverkamp gehalten.)
DIE GEMEINDE
Pete Fleming, gest. l956
Übersetzt von Michael O’Shea; redaktionell überarbeitet von Werner Deppe, Bielefeld
Vorwort
Diese tiefgründige und kompakte Darstellung der neutestamentlichen Gemeinde stammt von Pete Fleming, der zu diesem Thema im August 1954 eine Vortragsreihe in der Northgate Chapel in Seattle im US-Bundesstaat Washington, hielt. Auf die Bitte der dort versammelten Christen hin verfasste er später diese Zusammenfassung seiner Vorträge.
Es sollte der letzte Dienst am Wort sein, den Pete Fleming in der Northgate Chapel versah. Kurz darauf kehrte er mit seiner Braut Olive Ainslie Fleming nach Ecuador zurück, wo er ungefähr 15 Monate lang daran arbeitete, die hier dargelegten Prinzipien praktisch zu verwirklichen. Wie allgemein bekannt, war Pete Fleming einer der fünf unerschrockenen jungen Missionare, die am 5. Januar 1956 bei dem Versuch, die wilden Auca-Indianer mit der guten Nachricht des Heils zu erreichen, ihr Leben opferten.
Die Gemeinde
Schon die erste Aussage des Herrn Jesus Christus über die Gemeinde fesselt unsere Aufmerksamkeit. Sie ist erstaunlich: „Ich werde meine Gemeinde bauen und die Pforten des Hades werden sie nicht überwinden“ (Mt 16,18). Diese Aussage klärt mit einem Schlag alle Fragen, wessen Gemeinde es ist, wer für ihr Wachstum verantwortlich ist und wie groß ihr Triumph sein wird. „Es ist MEINE Gemeinde“, erklärt unser Herr und identifiziert sich mit ihrem Bau und ihrem Wachstum. Dementsprechend dürfen wir erwarten, dass sich der Charakter Christi in ihr widerspiegeln wird, wenn er uns Schritt für Schritt das herrliche Wesen seiner Gemeinde eröffnet. Der gewagte Bauplan und die umwerfende Vollkommenheit ihrer Entwicklung zeigen, in welch vollkommenem Ausmaß der große Architekt sich seinem Werk gewidmet hat.
Diese Aussage zeigt außerdem, wie vollständig der Triumph der Gemeinde Christi ist. Die antike orientalische Stadt bildet den Hintergrund für den bildlichen Ausdruck „die Pforten des Hades“ – genauer gesagt, der Rat der Stadtältesten, die sich in den Toren solcher Städte versammelten, um sich über alle Fragen der Wohlfahrt der Bewohner zu beraten. Die gesamte Intelligenz, die Führungsspitze, war hier am Tor versammelt; hier lief die Planung der Stadt ab.
So repräsentiert der Ausdruck „die Pforten des Hades“ bildlich alle Intrigen und Kunstgriffe der Machthaber der Hölle, die gegen die Gemeinde gerichtet sind. Und doch wird die Gemeinde nicht überwunden werden. Sie wir nicht nur widerstehen, sondern überwinden und den Sieg davontragen. Christus selbst gibt uns von Anfang an einen Maßstab, nach dem wir das außergewöhnliche Wesen und Geschick dieser Gemeinde beurteilen können. Man beachte, womit wir es hier zu tun haben: mit nichts Geringerem als der herrlichen, siegreichen Gemeinde Jesu Christi, gegen die letztlich nicht einmal die Hölle selbst bestehen kann. So zerklüftet und zerspalten die Gemeinde unserem beschränkten irdischen Blick auch erscheinen mag, führt Christus sie doch im Triumph gegen alle satanischen Streitmächte, macht deren Angriffe zunichte und besiegt das Böse mit dem Guten und den Irrtum mit der Wahrheit.
Finden wir eine klare Lehre über die Gemeinde im NT?
Diese herrliche Vorstellung der Gemeinde bildet den Tenor der neutestamentlichen Lehre über sie; wir wollen uns nun den weiterführenden Aussagen über die Gemeinde in der Apostelgeschichte und den Briefen zuwenden. Zu Beginn sei ausdrücklich festgehalten, dass allein das Neue Testament die einzige Autorität ist, um die wahre Gestalt der Gemeinde herauszufinden, und Gehorsam gegenüber der Heiligen Schrift sollte dabei unser einziges Ziel sein. Wir sind uns im Klaren, dass wir damit vielen namhaften Theologen widersprechen, die zwar die Vollständigkeit der neutestamentlichen Anweisungen zur Führung eines gottesfürchtigen Lebens für den Einzelnen bekennen, im Hinblick auf die Gemeinde die völlige Hinlänglichkeit des Neuen Testamens jedoch bestreiten. Außerdem vertreten sie, das neutestamentliche Bild der Gemeinde sei bruchstückhaft und begrenzt, und Gott wolle mit dem Wachstum der Gemeinde verschiedene Formen, Abläufe und Praktiken entstehen lassen, die zugegebenermaßen im Neuen Testament nicht zu finden sind. Außerdem behaupten sie, die moderne Lebensgewohnheit und Kultur hätten vieles nötig gemacht, was das einfache Leben der frühen Gemeinde entbehren konnte. Auf diese Weise werden viele Praktiken gerechtfertigt, die das Neue Testament nicht lehrt.
Diese Vorgangsweise ist jedoch gefährlich und überflüssig. Sie ist bedenklich, weil dadurch alles Mögliche gerechtfertigt werden könnte, bloß weil irgendjemand meint, die moderne Zeit mache es erforderlich. Das gleiche Prinzip könnte dazu missbraucht werden, gegenteilige und einander widersprechende Dinge zu rechtfertigen. Diese Vorgehensweise ist unnötig, denn die Schrift deutet in keiner Weise auf eine weitere Offenbarung des Wesens und der Funktion der Gemeinde hin. Wir bestätigen natürlich, dass Gott in der Geschichte wirkt, aber – und daran halten wir fest - nur innerhalb des von der Heiligen Schrift beschriebenen Rahmens und nicht außerhalb davon.
Außerdem können wir nicht zustimmen, dass das neutestamentliche Bild der Gemeinde bruchstückhaft sei. Es mag stimmen, dass sich die Ereignisse im Neuen Testament nur über eine Zeitspanne von etwa fünfzig Jahren erstrecken, aber es ist verblüffend, welch gewaltige Wachstumsperiode der frühen Gemeinde sie beinhalten: Buchstäblich Dutzende Gemeinden werden beschrieben, die sich aus Menschen vieler verschiedener Kulturen zusammensetzten, in verschiedenen Sprachen geführt wurden und sich über Gebiete erstreckten, die zum Teil fast 2000 km auseinander lagen. Die grundsätzlichen Probleme des Gemeindewachstums werden ausführlich behandelt. Außerdem halten wir es für undenkbar, dass Gott nur unvollständige Anweisungen für die Gemeinde offenbart habe, wo er doch für den Einzelnen so umfassende und vollständige Anweisungen gegeben hat. Beim Studieren des Neuen Testaments können wir nur schließen, dass es auf jeden wichtigen Aspekt eingeht, der für das Leben und die Ordnung der örtlichen Gemeinden nötig ist, und zwar entweder durch direkte Anordnung, Anführung eines Prinzips oder durch Ereignisse oder Beispiele. Unsere Überzeugung, dass das Neue Testament völlig hinlängliche Informationen enthält, wird wiederholt bestätigt.
Was ist die wahre Gemeinde?
Jede Frage dieser Art wird zum Teil dadurch beantwortet, dass man auf der Grundlage der Schrift entscheidet, was die wahre Gemeinde nicht ist. Sie ist nicht ein Gebäude, sei es noch so erhaben und gewaltig. Sie ist nicht ein Verein von Leuten, seien sie noch so menschenfreundlich und uneigennützig. Sie ist nicht eine Interessensgruppe, die für moralische Reform eintritt, sei sie noch so notwendig und nützlich. Sie ist nicht eine Einrichtung zur Erhaltung einer heiligen Tradition, sei sie noch so ehrwürdig und geachtet. Sie ist nicht ein Verbund von Ortsgemeinden, sei ihr Bestreben noch so eindrucksvoll und geistlich. Sie ist keine Denomination, wie mächtig und groß sie auch sei. Die wahre universale und geistliche Gemeinde Gottes entspricht keiner dieser Gruppen, wenn sie auch in gewissen Einzelpunkten Ähnlichkeiten aufweist. Die wahre Gemeinde ist größer und großartiger als jede irdische Institution, Kultur, Religion, Ideologie, Tradition oder sonstige Eingrenzung.
Die wahre Gemeinde ist geistlicher und himmlischer Natur, wobei auf der Erde sowohl ihre örtlichen als auch weltweiten Erscheinungsformen sichtbar sind. Sie besteht aus denen, die wahrhaft an den Herrn und Erretter Jesus Christus glauben (Apg 2,47), die durch besonderes Wirken des Heiligen Geistes zu einem Leib geformt sind (1Kor 12,13), die vom Heiligen Geist gestärkt werden, der in jedem von ihnen wohnt, die geleitet werden von Jesus Christus, ihrem „Haupt“ (Kol 1,18) und die schließlich vollendet werden durch das Wiederkommen Jesu Christi, bei dem ihm die Gemeinde in vollendeter Form präsentiert werden wird (Eph 5,27). Die Einheit der Gemeinde ist auch insofern geistlich, als alle ihre Glieder dem selben Haupt gehorchen, zu einem Leib getauft sind und alle Söhne desselben Vaters sind. Da wahre Einheit auf diesen unabänderlichen, absoluten Wahrheiten gegründet ist, wird sie durch kein Versagen eines ihrer Glieder auf Erden zerstört, wenn auch ihr äußeres Bild in den Augen der Menschen dadurch befleckt wird. Dasselbe gilt für jede Inkonsequenz oder Unvollkommenheit im Leben eines ihrer Glieder. Diese ist zwar sträflich, aber weder das vollkommene Wesen und Erbe der Gemeinde, noch die ewig sichere Stellung ihrer Glieder kann dadurch verändert werden. Der Ungehorsam eines Sohnes hebt seine familiäre Beziehung und deren Wesen nicht auf, obwohl es für ihn den Genuss dieser Beziehung trübt. So besteht Gottes Gemeinde in völliger Einheit; sie ist eine geistliche Versammlung der Wiedergeborenen und in Gottes Augen unteilbar und unantastbar.
Daher ist die Gemeinde nicht von dieser Welt, wenn auch manche ihrer Glieder noch in der Welt sind; sie ist noch nicht vollständig im Himmel, wenn auch viele ihrer Glieder schon dort sind. Da sie geistlicher Natur ist, überspannt sie jede menschliche Trennlinie und Abgrenzung, sei es national, kulturell, kirchlich oder denominationell. Verborgen für die Blicke der meisten Menschen, ist die Auferbauung dieser Gemeinde das herrlichste Werk, das Gott in unserer Zeit vollführt. Für den Einzelnen gibt es nichts Dringlicheres, als durch den Glauben in sie hineinzugelangen und nichts Lohnenderes, als ihre Gemeinschaft zu erfahren.
Warum gibt es örtliche Gemeinden?
Wir stoßen hier auf die Frage: „Wenn die wahre Gemeinde geistlich ist, warum sind dann örtliche Gemeinden wichtig? Sind sie überflüssig?“ Die Antwort ist ein klares Nein, denn das Neue Testament zeigt sehr klar, dass örtliche Gemeinden durch Gottes Anordnung überall im Römischen Reich gegründet wurden, um alle an Christus Gläubigen geographisch geordnet in selbständigen, geistgeleiteten Gemeinden zu vereinigen. Diese Ortsgemeinden waren Ausdruck der wahren Gemeinde in dieser Welt und Lebenszellen, die dieselbe Beziehung zum Haupt hatten, wie die Universalgemeinde selbst.
Illustrationen für die Gemeinde
Zur Beschreibung der vielfältigen Beziehungen der Gemeinde zu Christus gebraucht das Neue Testament eine Menge treffender Illustrationen. Jede dieser Illustrationen drückt auf wunderbare Weise irgendeinen Aspekt der örtlichen oder universalen Gemeinde aus. So wird die Gemeinde dargestellt als: Ein Leib, um ihre Harmonie und Abhängigkeit zu zeigen. Christus ist das Haupt und übernimmt somit Verantwortung für die Leitung und Führung des übrigen Leibes. Die Gemeinde ist der Leib, dessen verschiedene Glieder in Harmonie und gegenseitiger Abhängigkeit zum Wachstum des Ganzen beitragen (Kol 1,18-24).
Ein Gebäude, um ihren planvollen Entwurf und Bau zu betonen (1Kor 3,9).
Ein bebautes Feld, um ihr Wachstum und ihre Fruchtbarkeit darzustellen (1Kor 3,9b).
Ein Tempel, um ihre Heiligkeit und Hingabe zu betonen (1Kor 3,l6).
Eine reine Jungfrau, um ihre Entschlossenheit und Erwartungshaltung auszudrücken (2Kor 11,2).
Eine Herde, um ihre Einheit und Treue zu zeigen (Apg 20,28).
Ein Haus, um auf ihre Vollständigkeit und Ordnung hinzuweisen (1Tim 3,15).
Ein Leuchter, um ihr Zeugnis darzustellen (Offb 1,20).
Ein Pfeiler und eine Grundfeste der Wahrheit, um ihre Stärke und ihre Aufgabe aufzuzeigen (1Tim 3,15).
Eine Familie, um ihre Zusammengehörigkeit und Wärme zu demonstrieren (Apg 2,42-47; 4,23).
Universale und örtliche Gemeinde
Von diesen wunderschönen Bildern werden wenigstens vier bei verschiedenen Gelegenheiten sowohl auf die universale als auch auf die örtliche Gemeinde angewandt: Tempel, Leib, Braut und Herde. Anhand dieser Tatsache erkennen wir ein sehr wichtiges Prinzip: Die Ortsgemeinde hat in ihrer Funktion und ihrem Wesen dieselbe Beziehung zu Christus wie die Universalgemeinde. Sie ist die Kleinausgabe der Gemeinde, ein Abbild des Ganzen und bringt die unsichtbare und ewige Gemeinde sichtbar und zeitlich zum Ausdruck.
Da dies unumstößlich in der Schrift gezeigt wird, sind wir beim Aufbau einer örtlichen Gemeinde dafür verantwortlich, dass sie dem Wesen der wahren Gemeinde entspricht und nachgebildet wird. Wenn wir diese Richtlinie befolgen, werden wir vor vielen Fehlern bewahrt bleiben. So werden wir zum Beispiel nie versucht sein, das Haupt der Gemeinde hier auf der Erde zu suchen. Denn genau wie Christus das himmlische Haupt der ganzen Gemeinde ist, so ist er auch das Haupt jeder örtlichen Gemeinde von Gläubigen. Deshalb dürfen die Gemeinden keinen irdischen Herrscher über die Gläubigen, keinen menschlichen, vorrangigen Stellvertreter Gottes auf Erden anerkennen; ihr Haupt ist im Himmel.
Zweitens hat die örtliche Gemeinde ebenso wie die Gesamtgemeinde direkten Zugang zu Christus und kann von ihm erwarten, dass er alle ihre Bedürfnisse erfüllt. Das Neue Testament toleriert keinen Priesterstand, keine Gruppe besonders bevorrechtigter Mittler. Vielmehr wird jeder von uns als Priester betrachtet, der durch Christus ständigen Zugang zu Gottes Gegenwart hat (1Petr 2,5.9); zusammen gesehen sind wir ein Königtum von Priestern (Offb 1,6).
Drittens setzt sich die örtliche Versammlung nur aus den wahrhaft Wiedergeborenen zusammen, da nur wiedergeborene Menschen Glieder der wahren Gemeinde sind. Gemeindezugehörigkeit auf irgendeiner anderen Grundlage entspricht in keiner Weise der Lehre des Neuen Testaments. Ständige Wachsamkeit ist geboten, um sicherzustellen, dass nur wirklich Wiedergeborene an der innigen Gemeinschaft und Nestwärme der Ortsgemeinde teilhaben und diese Gemeinschaft bilden. Neue Gläubige gelangen in diese Gemeinschaft, indem sie gehorsam im Glauben an Christus leben, und zwar im selben Glauben, durch den sie vorher schon zu Gliedern der universalen Gemeinde geworden sind.
Viertens ist jedes Gemeindeglied für seinen Dienst direkt Christus gegenüber verantwortlich. Vielerorts werden für den offiziellen Dienst in der Gemeinde eine gewisse Ausbildung und Ordination vorausgesetzt. Obwohl Ausbildung prinzipiell gutzuheißen ist, kann man ein solches Amtsdenken nicht mit der Lehre des Neuen Testaments in Einklang bringen. Einsetzung im Sinne des Neuen Testaments ist nichts Weiteres als ein Ausdruck dafür, dass die Ältesten der offensichtlichen Berufung Gottes zustimmen, die ein Einzelner wahrnimmt (Apg 13,1-3). Sie ist nie Mittel zur Aufnahme in eine besondere Klasse von Dienern Gottes - in eine „Geistlichkeit“ - oder zur Verewigung der unbiblischen Trennung zwischen Priestern und Laien. Eine von Menschen durchgeführte Einsetzung verleiht keinerlei offizielle Autorität. Sie kann nur in Übereinstimmung mit einer eindeutigen, offensichtlichen, vorhergehenden Berufung Gottes gültig sein und hat unabhängig davon keine Berechtigung.
Fünftens sind in der Gemeinde alle Gläubigen in Christus gleichwertig: Diese Gleichwertigkeit bezieht sich nicht auf die Verantwortungen der Einzelnen, sondern auf ihre Stellung vor Gott (Gal 3,26-28).
Sechstens werden das Wesen und die Ordnung der Gemeinde nicht von der Geschichte diktiert, sondern durch das Wort Gottes. So reichhaltig das geschichtliche Erbe einer Gruppe ist, wie ehrwürdig die Gründer einer Bewegung auch sein mögen, sollte sich jede örtliche Gemeinde am Vorbild des Neuen Testaments orientieren. Geschichtliche Tradition muss von jeder Gemeinde im Lichte des Neuen Testaments geprüft werden, damit das Gute behalten und das Schlechte verworfen werden kann. Gleicherweise dürfen örtliche Gemeinden als Grund für ihre Existenz und Struktur kein noch so bedeutendes historisches Ereignis anführen. Reformation ist für die Gemeinde kein historisches Ereignis, sondern eine ständige Notwendigkeit. Allzu oft waren solche historischen Ereignisse, Konzile oder Beschlüsse Ursprung für eine Denomination, die später versuchte, ihre Anhänger um solche Ereignisse oder Persönlichkeiten zu scharen und so ihre Einheit aufrechtzuerhalten. Jedoch findet man nirgends in der Schrift derartige denominationelle Zugehörigkeiten; ja, sie tragen eher zur Verzerrung als zur Verdeutlichung des wahren Wesens der Gemeinde bei.
Aufbau und Leitung neutestamentlicher Gemeinden
Im Neuen Testament war die Leitung der örtlichen Gemeinden einfach, aber wirksam. Diese Leitung bestand die Erprobung durch Verfolgung von außen und Störversuche von innen und setzte sich aus zwei Gruppen von Verantwortlichen zusammen: aus Ältesten (auch Vorsteher oder Aufseher genannt) und aus Diakonen (auch Diener genannt) (Phil 1,1; 1Tim 3,1-11). Diese Leiter der örtlichen Gemeinden wurden unterstützt durch begabte Männer, die allen Gemeinden dienten und sich frei unter ihnen bewegten. Zu Beginn waren diese Männer, die ihre ganze Zeit dem Dienst an den Gemeinden und ihrem Aufbau widmeten, die Apostel und Propheten, denen Gott außergewöhnliche Fähigkeiten verlieh und somit dieses erste Zeugnis der Gemeinde bestätigte. Nachdem dieses Fundament durch Apostel und Propheten gelegt war (Eph 2,19.20), wurden diese Männer durch Evangelisten, Hirten und Lehrer (Eph 4,11) ersetzt. Solche Männer waren Gaben an die ganze Gemeinde, was auch aus Epheser 4 deutlich wird. Sie waren Männer mit so außerordentlichen Gaben, dass sie schließlich nach ihrer Gabe benannt wurden: Evangelisten, Hirten und Lehrer. Diese Männer reisten, wie der Geist Gottes sie führte. Sie blieben unterschiedlich lange an den jeweiligen Orten und halfen den örtlichen Ältesten und Diakonen dabei, die Gemeinde durch Ausüben ihrer Gabe aufzubauen.
Somit ergibt sich folgendes einfaches Bild der Gemeindeleitung: Älteste und Diakone trugen die geistliche Verantwortung für die Gemeinde am Ort und wurden unterstützt durch Besuche von Evangelisten, Hirten und Lehrern, die das Zeugnis und das Leben der Gemeinde kräftigen sollten.
Gott will alle Gaben so entwickeln, dass ihre Ausübung unter der Leitung des Heiligen Geistes der Gemeinde zu Unabhängigkeit und Eigenverantwortlichkeit verhilft. Paulus beglückwünscht die Gläubigen der Gemeinde von Korinth, weil Gott sie in allem Wort und in aller Erkenntnis reich gemacht hatte, so dass es ihnen an keiner Geistesgabe mangelte (1Kor 1,4-7). Es ist Gottes Plan, jede Gemeinde auf diese Weise auszurüsten. Die Ältesten müssen dafür sorgen, dass die Gaben ausgeübt und eingesetzt werden. Das bezieht sich sowohl auf ihre eigenen Gaben, als auch die Gaben der anderen Gemeindeglieder. Die zentralen Gaben des Evangelisten, des Hirten und des Lehrers sollen am Ort von den Ältesten ausgeübt werden, die wiederum von den bereits erwähnten Dienern Gottes unterstützt werden.
Dementsprechend wird jeder Älteste zu Folgendem ermahnt:
1. das zuverlässige Wort festzuhalten, zu ermahnen und zu überzeugen, d.h. zu evangelisieren (Tit 1,9);
2. die Herde zu hüten, die Verantwortung für sie zu übernehmen, d.h. Hirte zu sein (Apg 20,28; 1Petr 5,2-4);
3. lehrfähig zu sein, zu ermahnen und zurechtzuweisen, d.h. zu lehren (1Tim 3,2; 5,17).
Diese Hauptverantwortung sollen also die Ältesten tragen, ebenso die Verantwortung für alle anderen Angelegenheiten, die das geistliche Wohl der Gemeinde betreffen. Die Diakone haben als Diener der Gemeinde anscheinend eine breitere und weniger spezifische Funktion, zu der zweifellos auch das Regeln aller Einzelheiten bezüglich Dienst, Veranstaltungen und Programme der Gemeinde gehört.
Plurale Leiterschaft und kein Ein-Mann-Prinzip
Dieses einfache Leitungsprinzip ist wirksam und flexibel; gerade weil es so einfach und geistlich ist, wurde es wiederholt sogar von hingegebenen Männern angegriffen. Es lässt keinen Raum für besondere Auszeichnung eines Einzelnen, und niemand kann diese einfache Struktur als Sprungbrett zu Ruhm und Macht missbrauchen, ohne zwangsläufig ihr gottgegebenes Prinzip zu verändern und seine persönlichen Motive öffentlich bloßzustellen. Gemeinden sollten von geistlich gesinnten Männern geleitet und nicht von einem einzelnen Mann dominiert werden. Die natürliche Neigung des Menschen, einen einzelnen Mann in den Mittelpunkt zu stellen und ihm ehrerbietig nachzufolgen, hat in Gottes Plan der Gemeindeleitung keinen Platz. Sein Plan umfasst sogar eine Sicherheitsvorkehrung gegen die Vorherrschaft eines Einzelnen und soll zudem die größtmögliche Beteiligung jedes Gemeindegliedes gewährleisten. Jeder ist mit irgendeiner Gabe ausgerüstet; jeder soll seine Gabe so gut wie möglich gebrauchen, damit alle erbaut werden (1Kor 14,12). Das vierte Kapitel des 1. Petrusbriefes fasst dieses geistliche Idealbild wunderbar zusammen: „Je nachdem ein jeder eine Gnadengabe empfangen hat, dient einander damit als gute Verwalter der mannigfaltigen Gnade Gottes; wenn jemand redet, so rede er als Aussprüche Gottes; wenn jemand dient, so sei es als aus der Kraft, die Gott darreicht, auf dass in allem Gott verherrlicht werde durch Jesus Christus“ (1Petr 4,10.11).
Jedoch ist Gottes Plan der Gemeindeleitung durch Älteste schon oft missachtet worden, manchmal bewusst, manchmal indirekt. So wie das alte Israel damals lieber von einem König regiert werden wollte als von Richtern (1Sam 8,1-22), so haben örtliche Gemeinden schon oft jemanden in höchste geistliche Verantwortungsposition befördert. Die Geschichte zeigt, dass die apostolischen Richtlinien schon bald nach dem Abschluss des Neuen Testaments verlassen wurden. Der gottgewollte Plan der Leitung durch mehrere Älteste (Aufseher) wurde schleichend in ein System umgeformt, bei dem viele Gemeinden unter der Leitung eines einzigen Bischofs standen. Letztendlich wurde das Priestertum aller Gläubigen durch das allmähliche Entstehen zweier Klassen verleugnet: Geistlichkeit und Laientum. Leitende Gemeindemitarbeiter wurden zu einer Art halbamtliche Personen, die für sich das ausschließliche Recht in Anspruch nahmen, zu taufen und Brot und Kelch auszuteilen. Die Entfaltung der Geistgeschenkten Gaben wurde gehindert, der Wunsch Gottes, dass Leiter innerhalb der Gemeinde herangebildet werden, wurde völlig ignoriert. Stattdessen erlaubte man eine Hierarchie von Amtsträgern und eine Gemeindeleitungsstruktur mit einem „Prediger“ oder „Pastor“ für jede Gemeinde und oftmals mit einem Bischof über mehrere Gemeinden.
Es wurden auch Gemeindebünde gebildet, die Vorläufer der heutigen Denominationen waren. Dieselben Missbildungen traten im Laufe der Geschichte in verschiedenen Formen immer wieder auf und beherrschen noch immer das Denken vieler. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass dies nicht Gottes Ideal für uns ist und ebenso wenig sein geoffenbarter Plan.
Die nahezu überall verbreitete Praxis, dass Gemeinden einen Bibelschulabsolventen ins Pastorenamt berufen und ihm den Großteil der geistlichen Verantwortung übertragen, hat keinerlei biblische Grundlage. Ein solches Schema zu befolgen bedeutet, nur die zweitbeste Wahl zu treffen und auf Gottes besten Plan zu verzichten, denn: Ein Einzelner wird mit einer überwältigenden Last betraut, die er nie allein tragen sollte und die ihn vielfach zum Stolz versucht.
Dadurch wird den Ältesten ihre gottgegebene Verantwortung abgenommen, was bewirkt, dass sie dazu verurteilt sind, ihre Gaben nur in Mittelmäßigkeit auszuüben.
Es trägt zur Bildung von zwei Klassen bei: Geistlichkeit und Laientum.
Der geistliche Zustand einer Gemeinde wird dadurch zu sehr von einem einzigen Mann abhängig, und so kann eine bibeltreue Gemeinde auf einen Schlag allein durch den Wechsel des Pastors liberal werden.
Es fördert die natürliche Trägheit der Gläubigen, die Arbeit einem anderen zu überlassen.
Die Hirtenaufgaben werden zum offiziellen Amt.
Es lässt der Entfaltung der Gaben der anderen Geschwister zu wenig Raum. Die neutestamentliche Alternative ist viel besser dazu geeignet, das richtige geistliche Wachstum jedes Gliedes zu fördern. Die Ältesten üben ihre Verantwortungen nicht im Sinne eines Monopols aus, sondern als Vorbilder mit dem einzigen Zweck, andere zum Nachahmen anzureizen. Jeder Einzelne muss in der Gemeinde die Gelegenheit bekommen, seine Gabe geistgeleitet auszuüben. Weise Älteste werden die ganze Herde ermutigen, diese Gaben zu suchen, sie ständig zu erneuern und zur Ehre Gottes und zur Erbauung der Gemeinde einzusetzen. Das Spektrum der über zwanzig im Neuen Testament angeführten Gaben (1Kor 12,8-11.28-30; Eph 4,11; 1Petr 4,10.11; Röm 12,5-8) ist so groß, dass jeder Christ ein genügend großes Betätigungsfeld für seine Gabe bzw. Gaben vorfinden wird.
Schwerpunkte des Gemeindelebens
Die geistliche Gemeinde wird außerdem dieselben Schwerpunkte setzen wollen wie die Gemeinden des Neuen Testaments. Allem voran wird sie die Anbetung wertschätzen und pflegen. Echtes Lob und Anbetung von Herzen ist ein Kennzeichen einer geistlichen Gemeinde, und das um so mehr, da wir Jesu Verheißung haben, dass er mit uns anbetet, den Vater preist und uns in Lobliedern auf seinen Namen leitet (Hebr 2,11-13). Diese Anbetung findet ihren Ausdruck im Mahl des Herrn, welches die neutestamentlichen Gemeinden offensichtlich jeden Sonntag praktizierten (Apg 20,7). Es ist eine wunderbar einfache Gedächtnisfeier, die in tiefgründiger Weise jeden Teilnehmer dazu führt, von neuem über den Ursprung und die Grundlage seiner gegenwärtigen Freude und Segnungen nachzusinnen: den als Opfer gegebenen Leib und das vergossene Blut Jesu Christi, unseres Erretters (1Kor 11,23-26). Daran teilzunehmen erfordert ständige Reinigung (1Kor 11,27.28), denn unwürdige Teilnahme zieht das Gericht Gottes auf sich. So ist das Abendmahl nicht nur ein Anlass, anbetend dem Gedächtnis Christi zu gedenken, sondern auch ein Mittel zur fortwährenden Reinigung der Gemeinde durch die vor der Teilnahme erforderliche Selbstprüfung. Die ständige Feier des Abendmahls ist ein unerläßlicher Bestandteil des geistlichen Lebens der Gemeinde. Die Gemeinden, die bestrebt sind, den apostolischen Plan zu verwirklichen, werden dem Abendmahl den angebrachten Stellenwert einräumen.
Zweitens werden diese Gemeinden mit vollem Einsatz ihr evangelistisches Zeugnis pflegen; sie werden sich unaufhörlich bemühen, Außenstehende zu erreichen. Die Thessalonicher sind hier ein hervorragendes Beispiel: Obwohl sie jung waren, stellten sie ein ausgezeichnetes Zeugnis für die ganze Umgebung dar (1Thess 1,8).
Letztlich wird die Gemeinde der Ort sein, wo Liebe zu finden ist. Gaben sollten geschätzt und gesucht werden, aber keine Gabe kann unabhängig vom "besseren Weg" der Liebe (1Kor 12,31) ausgeübt werden. Liebe ist das Öl im Getriebe der zwischenmenschlichen Beziehungen in der Familie Gottes. Und die Gemeinde ist in der Tat eine Familie: Die Ältesten werden als Väter betrachtet, die älteren Frauen als Mütter, die jüngeren Frauen als Schwestern, die jüngeren Männer als Brüder (1Tim 5,1.2). So stellt Gott seine Gemeinde dar: eine Familie, die durch Liebe verbunden ist, im Glauben an einem Strang zieht und eine gemeinsame Erwartung hat. Sie ist eine Gemeinde, die unbedingt Gottes Anweisungen folgt, die treu seinen Plan verwirklicht und die ständig seinem Vorbild nacheifert. Diesem hohen Maßstab sind wir verpflichtet; wir müssen uns demütig entschließen, diesen Maßstab zu befolgen.
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